Ist es vererbbar, epigenetisch oder evolutionär begründet? Das «Männliche Sitzflächen-Klebesyndrom am Esstisch?» Es hat die Emanzipation überlebt, sich ins männliche Gehirn eingewurzelt mit Ausläufern bis ins weibliche Bewusstsein, von dem es nur spärlich hinterfragt wird.
Der Corpus callosum ist ein Nervenstrang, der Signale von einer Hirnhälfte zur anderen hin- und her schickt. Einmal glaubten Forscher, Hinweise auf eine stärkere Ausprägung beim weiblichen Geschlecht entdeckt zu haben. Dies würde erklären, warum Frauen die Handlungsstränge zwischen erlegter Beute und vollem Bauch von Natur aus besser oder überhaupt erfassen. Die These wurde widerlegt, Beweise nie erbracht. Dann sind es also doch die eingefleischten Rollenbilder, die viele Männer am Esstisch auf ihren Hintern sitzen lassen.
Von ihnen gibt es in meiner Familie genug: Ein Ehemann, drei Söhne, zwei Brüder. Zum Geburtstag beschenken sie mich mit Gutscheinen zum Auswärts-Fein-Go-Ässe. Unterdessen wohnen auch die Söhne in eigenen Wohnungen mit Küchen, die sie kaum nutzen, von denen ich dafür träume. Zum familiären Treffen finden sie sich stets mit Heisshunger bei uns zu Hause ein. Den Entschluss, sich so richtig die Bäuche vollzuschlagen, fällt meist schon am Vorabend. Sie machen keinen Hehl draus: «Hüt schlani so richtig zue, cha ja morn wieder ächli faschtä.»1 Der Duft aus der Küche animiert sie, unruhig in küchennähe herumzutigern. Intervallartig: «Was meinsch, wänn isches öppe so wit?»2 Einatmen über den Kochtöpfen und ein Kuss auf mein Haar: «Gäll, ich ha dänn scho rächt Hunger, wau, schmöckt das guät.»3 Ich bin gerührt – und schlucke trotzdem einen Kloss herunter, seufze: «Ja, äs git halt au alles vill Arbet. Jetz stahni scho drü Stund i dä Chuchi.»4
Ich denke an meine Mutter, die Grossmütter. Bei Familienfesten stillten sie ihren gröbsten Hunger mit ein paar Häppchen während dem Anrichten und nach dem Dessert begann das grosse Aufräumen. Die flinken Hände von Töchtern und Schwiegertöchtern hantierten eifrig mit. Währenddem debattierte «Mann» mit männlicher Logik im Endlosschlaufenmodus über die Weltpolitik.
Für meinen Mann ist die Küche keine Tabuzone mehr. Jahrzehntelange Reflexion hat Prozesse angestossen. In gemütlicher Runde jedoch schlägt das Syndrom auch bei ihm gnadenlos zu, genau wie bei seinen familiären Geschlechtsgenossen. Wenigstens bei meinen Söhnen könnte die geschlechtsneutrale Erziehung betreffend Haushalt fruchten. Wenigstens sie könnten den Tisch abtragen oder Mineralwassernachschub aus dem Keller holen. Unaufgefordert! Stattdessen kleben sie auf ihren Stühlen wie zu Grossmutters Zeiten, als fielen sie ausserhalb des Esszimmers in einen luftleeren Raum. Wer raucht, bewegt sich immerhin an die Luft. Aber auch den Rauchern erschliesst sich kein Zusammenhang zwischen einem Esstisch voll mit schmutzigen Tellern und dem Geschirrspüler.
Zum Glück sind da noch ihre Freundinnen und meine Schwägerin. Nach dem ersten Gang stehen wir an der Küchentheke, inmitten abgenagten Hühnerbeinen und Kotelett-Knochen, eingetrockneter Kräuterbutter und Salatsaucenresten. Die Männerrunde nimmt unsere Abwesenheit vom Tischgespräch ohne Irritation zur Kenntnis. Was für ein Affront! Deshalb weg mit den Lappen! Beim nächsten Familienschmaus wird sich der weibliche Teil der Familie nach dem ersten Gang direkt aus dem Staub machen, in der Moonlight-Terrassen-Bar hoch über der Stadt einen Trinkspruch ausgeben: «Auf unsere Männer! Als Küchentiger sind sie einfach unwiderstehlich!»
Hoffentlich entwickeln sie aus einem Kalorienüberschuss heraus keine Superkräfte und montieren gleich die ganze Küche ab.
1 Heute schlage ich richtig zu, ich kann morgen wieder fasten.
2 Was meinst Du, wann ist es etwa soweit?
3 Denk dran, ich habe grossen Hunger, wow, riecht das gut.
4 Ja, es gibt auch alles viel Arbeit. Jetzt stehe ich schon drei Stunden in der Küche.