Mein Verführer

von | 26. März 2026 | Béatrice Stössel

Heute schon gemordet?

Nein?

Ich schon!

Ich bin eine Killerin müssen Sie wissen. Ich bringe IHN regelmässig um und zwar ganz gezielt. Obwohl ER mir immer wieder sehr raffiniert zu verstehen gibt: «Ich meins doch nur gut mit dir.» Er ist ein grossartiger Verführer, der mich stets bezirzt mit fast unschlagbaren Argumenten: «Du warst doch gestern schon schwimmen und hast erst kürzlich 7000 Schritte abgespult, was willst du noch mehr», flüstert er mir ins Ohr und ich schenke ihm nur allzu gern Gehör, diesem inneren Schweinehund, der mich mit seinem Geflüster vom Sport abhalten will.

Gleichzeitig ist da die STIMME DER VERNUNFT – sie spielt ebenfalls mit in diesem Hin und Her und wirft ihre gewichtigen Argumente in den Ring: «Tu etwas für deine Gesundheit. Sei dankbar, dass du das alles noch kannst, bleib mal schön gelenkig», hält sie dagegen.

Diesen Kampf fechte ich immer dann aus, wenn «Fitness» in meiner Agenda steht. Dieser ewige Disput: Bequemlichkeit versus Sport. Also schlage ich meinen inneren Schweinehund tot und fahre ins Fitnesscenter.

Am schlimmsten ist jeweils der Start. Widerwillig setze ich mich aufs Rad und strample, während mein Blick zwischen der Uhr und dem Kilometerzähler hin und her flitzt. Ich juble, also nur ganz leise, wenn 1000 Meter angezeigt werden. Das reicht mir vollauf, meine Muskeln sind jetzt genügend aufgewärmt, befinde ich. Zwar werde ich von einigen Mitstreitern belächelt, wenn ich so schnell vom Rad springe, doch das ist mir vollkommen egal. Eigentlich kann ich gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich sie hasse, diese Foltermaschinen, die mich zwingen, mich mit einzelnen oder ganzen Muskelgruppen abzuplagen und doch, es muss sein, denn wenn ich streike, plagt mich mein Rücken und ich mutiere zur schlecht gelaunten Diva.

Unter uns, es gibt dort Leute, die bei schönstem Wetter, gefühlte Ewigkeiten auf dem Laufband strampeln und schwitzen wie die S.., na sie wissen schon von welchem Tier ich spreche. Dabei müsste man nur einmal umfallen und könnte durch den Wald rennen, der gleich hinter dem Center beginnt. Spurten zum Takt des Vogelgezwitschers, den Duft der Hölzer einatmen, statt die schweissgeschwängerte Luft im Fitnessraum. Diese Variante wähle ich bei schönem Wetter oder ich gehe schwimmen im Freibad oder noch lieber im Zürichsee.

Sport ist Mord heisst es. Doch ist dem so? Unwillkürlich denke ich an zwei ganz spezielle Menschen aus meinem Freundeskreis, die aus medizinischen Gründen gar nicht überlegen müssen, ob sie Sport treiben sollen. Sie können es schlicht nicht mehr. Da ist der Wechsel vom Rollstuhl auf den Toilettensitz schon eine Meisterleistung. Ganz zu schweigen davon, seit acht Jahren Hilfe entgegennehmen zu müssen, sei es beim Essen oder der täglichen Hygiene, weil diese Frau ans Bett gefesselt ist. Nichts geht da mehr selbstständig, auch essen nicht. Ein Ausflug allein ins Freie – nicht daran zu denken. Nach Jahren konnte man sie endlich in den Rollstuhl setzen und in den Garten schieben. Und wissen Sie was? Sie jammert NIE!

Weshalb soll ich mich also beklagen, wenn ich die Trainingsgeräte betätige? Weshalb auf so hohem Niveau stöhnen? Es reift die Erkenntnis, dass der Slogan: Sport ist Mord – gar nicht richtig anfühlt. Im Gegenteil, es ist ein Privileg, wenn ich mit einigen Jahrringen im Rucksack gesund bin und – wenn auch knurrend – vor trainieren kann.

Ergo schlag ich ihn weiterhin tot, meinen inneren Schweinehund, und stimme ein ins Lied des österreichischen Sängers Rainhard Fendrich:

„Es lebe der Sport, der ist gesund und macht uns hart. Er gibt uns Kraft, er gibt uns Schwung, er ist beliebt bei alt und jung.