Liebe Grossmutter
Wie geht es dir? Mir geht es gut!
So wäre der Tenor eines Briefes an Dich wohl ausgefallen, hätte ich damals schon schreiben können …
Meine Erinnerung an dich ist bis heute lebendig.
Wir sassen auf der Bank vor deinem rosaroten Haus im kleinen Dorf Mörel. Vor uns ein wildes Durcheinander von Blumen und Gemüsebeeten.
Ich weiss noch, wie ich dachte: So ein «Chrüsimüsi!»
Dieses «Chrüsimüsi» herrschte auch in deinem Kopf.
In kürzesten Abständen fragtest du mich:
„Wie heisst du?“
„Wer bist du?“
„Und woher kommst du?“
Die Fragen beantwortete ich dir anfänglich gerne, doch schon bald erkannte ich – auch als Achtjährige –, dass etwas nicht stimmte. Wie man damals salopp sagte: «Sie hat nicht mehr alle Tassen im Schrank».
Arterienverkalkung war die Diagnose. Heute nennen wir es Demenz.
Und heute, inzwischen selbst in die Jahre gekommen, gibt es Dinge, die ich dich schon lange fragen möchte:
Wer warst du?
Ich meine als junge Frau.
Vor deiner Heirat.
Im Kreise der Familie.
Als gezwungenermassen alleinerziehende Mutter.
Wenn ich das eine Foto betrachte, das mir von Dir geblieben ist, erkenne ich eine ernst in die Kamera blickende Frau. Es soll am Tag vor deiner Hochzeit aufgenommen worden sein.
Warst du glücklich mit deinem Emil?
Oder hast du einfach funktioniert?
Du hast drei Töchter zur Welt gebracht, von denen eine früh an Schwindsucht starb.
Lydia und Hermine musstest du bei den Eltern zurücklassen, um Geld zu verdienen.
Du arbeitetest in noblen Hotels und warst nur in der Zwischensaison zu Hause.
Wie hält man das aus?
Die eigenen Kinder so oft zurückzulassen?
Dein Mann ging nach Amerika, nach San Francisco.
Er soll dich angefleht haben, ihm mit den Kindern zu folgen.
Du bist geblieben.
Was hat dich davon abgehalten ihm zu folgen?
War es Angst?
Pflichtgefühl?
Oder eine Entscheidung, die nur du für dich verstehen konntest?
Ich frage mich oft, was von dir weiterlebt.
In Lydia – mit ihrer Frohnatur.
In meiner Mutter Hermine – mit ihrer Vorsicht und ihren Zweifeln.
Welches Erbe lebt in deinen Enkelinnen weiter?
Da ist meine Schwester, die sich ans Klavier setzt und einfach spielt.
Und ich – die das Schreiben erst spät für sich entdeckt hat.
Doch bleibt da etwas, das mich nicht loslässt.
Das grosse Vergessen.
Du kehrtest zurück ins Elternhaus.
Deine Schwestern kümmerten sich um dich bis zuletzt.
Mit vierundsiebzig Jahren bist du gestorben.
Dement.
Verwirrt.
Später traf es auch meine Mutter.
Ich erinnere mich an eine Zeit in meinem eigenen Leben, in der ich unendlich erschöpft war.
So ausgelaugt, dass mir selbst einfache Dinge schwerfielen.
In solchen Momenten war sie plötzlich da –
die Angst.
Die Angst, ebenfalls zu vergessen.
Doch da war auch etwas anderes.
Ein Wille.
Eine Kraft.
Und ich frage mich manchmal:
Ist auch das ein Teil von dir?
Ich werde dich nie fragen können, wer du wirklich warst.
Ein Teil deiner Geschichte lebt in mir weiter.
Vielleicht ist das meine Antwort.
Mach’s gut, Grossmutter.
PS: Im Bild ist die Grossmutter: Hintere Reihe, 3. von links