Chum – chum gang    (schweizerdeutsch: komm – komm, geh)

von | 26. Apr. 2026 | Simone Buser

Er steht an der Tür, die Hand schon ausgestreckt nach der Klinke.
Eine Sekunde später wird er sie nach unten gedrückt haben. Draussen wird ihn die Nacht neutralisieren und am Morgen würde das Schicksal die Karten neu mischen.

Das Schwarz ihrer Wimperntusche hat sich in den Tränen verflüssigt, klebt an Wangen und Satinstoff. Der Morgenmantel war einst ein Versöhnungsgeschenk.

«Chum», haucht sie.

Er dreht sich um, macht drei Schritte ins Zimmer zurück, als wäre das Wort magnetisch aufgeladen. Mit seinem ganzen Wesen steht er jetzt, gekrümmt wie ein Fragezeichen, vor ihr – ohne eine Geste, ohne sie in die Arme zu schliessen.

«Chum gang – gang eifach», ruckartig deutet sie mit dem Kopf Richtung Tür.
Worte wie Messerklingen, die zerteilen, was nicht zusammengehört.
Eine Haarsträhne fällt über ihr linkes Auge. «Der letzte Vorhang», durchfährt es ihn.

Dieser Streit hat ihrer Liebe den Gnadenstoss versetzt. Aber noch immer zuckt sie wie ein Pendel zwischen Schmerz und Vernunft – hin und her.
Versucht sie beide gefangen zu halten, zwischen «chum» und «chum gang». Wie ein Sicherheitsnetz in einer Zwischenwelt.

Diesmal drückt er die Klinke bis zum Anschlag. Durch den schmalen Spalt zieht die Luft direkt in seine Lungen. Die Nacht ist sternenklar.

Er verharrt noch einen Augenblick, irritiert, weil es ihn dünkt, «chum» hätte die Stille durchbrochen – doch da ist nur der Nachhall von «gang».