Der Entscheid

von | 20. Apr. 2026 | Renate Schwertel

02. Februar 2026:

Heute ist mein vorletzter Arbeitstag, der vorletzte Tag als berufstätige Frau. Nächste Woche wird mein letzter Arbeitstag sein. Ich habe diesen Tag schon lange geplant und vorbereitet und Ende 2025 wurde es konkret:

November 2025:

Ich trommle mein Team zusammen. Es ist dringend. Eine weitreichende Entscheidung steht an und ich brauche alle Teammitglieder, um diesen Schritt zu wagen.

Wir verbinden uns im Geiste und ich platze direkt mit meinem Anliegen heraus: „Wir beenden unsere Berufstätigkeit!“ Was haltet Ihr davon?

Alle schauen mich entsetzt an. Unser Creative Director fasst sich als Erste: „Aufhören zu arbeiten, was meinst Du genau? Willst Du unserem Auftraggeber kündigen, jetzt, da doch alles so optimal läuft, unser Schulungskonzept so gut ankommt, wir nur noch ernten müssen, was wir gesät haben? Willst Du aufgeben, was wir jetzt so richtig gut können?“

„Ja“, sage ich. „Schaut mal, ich bin doch jetzt 73, habe mit 16 angefangen zu arbeiten, mit kleinen Unterbrechungen bin ich also seit mehr als 50 Jahren berufstätig. Da darf doch auch mal Schluss sein“.

Unsere Controllerin meldet sich zu Wort: „Aber, dann haben wir ja kein Einkommen mehr, nur noch unsere Rente. Das reicht doch hinten und vorne nicht. Wie wollen wir denn dann über die Runden kommen? Nein, das geht auf keinen Fall. Wir müssen schon noch ein paar Jährchen Geld verdienen. Ich rechne das jetzt gleich mal aus. Wenn wir jetzt aufhören zu arbeiten, dann werden wir im Jahre ……2050 all unser angespartes Geld aufgebraucht haben. Dann sind wir ….. ähm … 98.“ 

Wir müssen alle ein Grinsen unterdrücken und die Minen meiner Teamkolleginnen hellen sich auf. Nur unsere Public Relations Expertin schaut mich ernst an. „Denk mal an die Außenwirkung“, sagt sie. „Du warst immer eine berufstätige Frau und auch immer stolz darauf. Was bist Du denn dann, wenn Du nicht mehr berufstätig bist? Du bist dann keine Unternehmerin mehr, sondern eine Rentnerin!“ Sie verzieht ablehnend das Gesicht. „Im Ernst? Was sagst Du dann, wenn Dich jemand fragt, was wir so den ganzen Tag machen? Haushalt und Familie versorgen? Mit diesem Konzept werden wir keine neuen Freunde und Freundinnen mehr finden.“

Unsere Sales Managerin schaltet sich ein. „Ja genau und wie soll die Welt sich weiterdrehen ohne unsere Konzepte, ohne unser angehäuftes Wissen über all die Jahre?“ Alle schauen etwas genervt. Unsere Sales Managerin hat schon immer maßlos übertrieben. Aber okay, das ist ihr Job.

Unsere Personalchefin stellt endlich die entscheidende Frage: „Warum willst Du das denn machen? Das kommt doch jetzt sehr plötzlich, oder? Hast Du Angst, Du bist den Anforderungen nicht mehr gewachsen?“ Nachdenklich sage ich: „Wisst Ihr, es ändert sich gerade so viel, KI und so, Ihr wisst schon. Seit Corona machen wir sowieso nur noch Online-Schulungen und ich habe Bedenken, dass ich nicht mehr richtig einschätzen kann, was unsere Kunden im Alltag wirklich brauchen. Ich verliere langsam den Bezug zur Praxis. Und ist es nicht klug aufzuhören, wenn es richtig gut läuft und nicht zu warten, bis man uns nicht mehr braucht?“

Alle nicken. Ja, das ist wirklich ein schlagkräftiges Argument. „Der soziale Aspekt ist auch fast ganz verloren gegangen,“ sage ich. „Unsere Teilnehmer und Teilnehmerinnen sehe ich nur auf dem Bildschirm, die meisten wollen ihre Kamera nicht anmachen und ich rede ins anonyme Nichts. Viele wollen nicht reden, sondern einfach Wissen konsumieren, ohne Austausch. Das, was unseren Job so interessant gemacht hat, die Begegnung mit echten Menschen, findet gar nicht mehr statt. Wisst Ihr noch, wie belebend es war, als wir unsere Schulungen noch in Präsenz gemacht haben? Die vielen Gespräche, der Austausch in den Pausen, das Reden mit den Kolleginnen und Kollegen, auch mal ein Treffen nach Feierabend?“

Meine persönliche Assistentin, lebenspraktisch wie immer, kommt schnell auf den Punkt. „Ja, ich verstehe Dich, aber was wird dann aus uns? Du brauchst uns dann doch nicht mehr.“ Alle schauen mich betrübt an. „Ihr werdet sehen“, sage ich, „wir stellen noch eine Menge zusammen auf die Beine. Dafür brauchen wir unbedingt unseren kreativen Kopf und unsere Finanzchefin, damit das Geld nicht durch die Finger rinnt. Unsere PR-Expertin ist unverzichtbar, wir wollen doch immer noch unter Leute gehen und uns zeigen und ohne meine persönliche Assistentin geht ja gar nichts. Wir können auf niemanden verzichten. All unser gemeinsames Potential und unsere Stärke, das schicke ich doch nicht in Rente. Wir machen weiter. Überlegt Euch alle was. Vielleicht ein Ehrenamt. Vielleicht schreiben wir ein Buch. Ich bin sicher, es werden sich neue Räume öffnen, wir werden alle genug zu tun haben.“

Ich höre ein lautes „Plopp“. Jemand hat schon den Champagner geholt und geöffnet. Wir stoßen an und sind uns alle einig. Wir haben eine Zukunft. Nur unsere Finanzchefin trägt noch ein paar Sorgenfalten auf ihrer Stirn.

Von Friedemann Schulz von Thun habe ich die Idee des “Inneren Teams“ ausgeliehen.
Wer mehr darüber wissen will: https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-innere-team