Unser Lädchen – ein Mikrokosmos der Welt

von | 30. März 2026 | Gabriela Kratzer

Wenn Cleo die weisse Holztür mit dem feinen Ätzglasdekor öffnete, glaubte sie, noch immer Tante Giselas Stimme zu hören: ihr mitreissendes Lachen, das «Komm herein, Kindchen, es gibt grad frischen Kuchen.»
Schon früh hatte sie der Tante versprechen müssen, irgendwann das Lädchen zu übernehmen. Damals war ihr die Last nicht bewusst – doch Gisela hatte ein Gespür für das Richtige.
Nun war es Cleo, die die Markise ausrollte und den ersten Kaffee aufsetzte. Seit einem Jahr führte sie das kleine Café: sieben Tischchen, eine Vitrine für Kuchen und die winzige Küche im Hinterzimmer mit dem grossen Profi-Ofen – Giselas ganzer Stolz. Noch buk sie bloss wenig Sorten, meist Frau Hubers Apfelkuchen und Herrn Fröhlichs Linzer Torte. Viele munkelten nach Giselas Tod, der Zauber sei erloschen. Doch Cleo wusste: Mit jedem Kuchen kam ein Stück Gisela zurück.

Die Türglocke bimmelt. Sofort ist Cleo im Hier und Jetzt. Wie ein kleiner Wirbelwind schiebt sich Frau Huber herein. Ihr Schal flattert über der Schulter, unter dem Arm trägt sie eine Tasche.
«Morgen, Kleines!», ruft sie, bevor die Tür ins Schloss fällt. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit erobert sie ihren Stuhl am Fenster und stellt die Tasche auf den Tisch.
«Neue Socken.» Mit geübten Händen zieht sie ein Paar nach dem anderen hervor. Ringelmuster, wild gemischt – Pink neben Moosgrün. Cleo grinst; Frau Hubers Augen erfassen die Farben nicht mehr so genau, doch gerade das macht deren Charme aus.
«Herr Berger sagt ja immer, solche Socken gibt’s sonst nirgendwo mehr», meint Cleo, während sie einen Teller unter die Kuchenglocke schiebt.
«Recht hat er», nickt Frau Huber zufrieden. «Der hat schon früher nur Wollsocken getragen, in den schweren Arbeitsschuhen. Damals lief man sich üble Blasen – da waren meine Socken Gold wert.»
Sie legt die Strickware zusammen und hebt den Stapel wie etwas Wertvolles an. Mit einem Lächeln verstaut sie die Teile in der Truhe neben der Vitrine – ihrer Schatzkiste. Manche kommen einzig deswegen vorbei, suchen sich ein Paar aus und bleiben wenigstens für eine Art Espresso. «Ich muss mir wirklich eine richtige Kaffeemaschine besorgen», denkt Cleo und schmunzelt über das alte Filterding.

Kaum gedacht, drängen schon die nächsten durch die Tür: Herr Berger und Herr Fröhlich, beide in angeregtem Wortgefecht, sie hatten draussen bereits lautstark diskutiert.
«Ich sage dir, die Strasse müsste längst neu gemacht werden», schnaubt Berger, wild gestikulierend.
«Unsinn, die Strasse hält noch Jahre», kontert Fröhlich, dessen Stirn sich in Falten legt. «Das ist nur wieder Geldmacherei der Stadt.»
Hinter ihnen drückt Frau Graber die Tür zu, die Lippen zusammengepresst. Kopfschüttelnd murmelt sie: «Manchmal fragt man sich, ob Männer nicht über Wichtigeres streiten könnten.» Sie steuert ihren Tisch an, setzt sich schwerfällig und begrüsst Frau Huber und Cleo mit einem warmen Lächeln.
Cleo stellt die Tassen bereit. «Guten Morgen allerseits. Das Übliche? Apfelkuchen für Frau Huber, Linzer für Herrn Fröhlich?»
«Und nichts für mich?», meldet sich Berger gespielt beleidigt und stemmt die Hände in die Hüften.
Cleo schmunzelt schelmisch. «Ihr Kuchen ist noch im Ofen, Herr Berger. Grosse Werke benötigen Zeit. Oder?»
Herr Berger lässt sich mit einem hörbaren Seufzer auf den Stuhl fallen. «Stellt euch vor, der Arzt will mir einen Katheter verpassen», beginnt er. «So ein Blödsinn. Ich hatte nie Probleme – warum soll das plötzlich nicht mehr gehen?»
Frau Huber legt ihre Stricknadeln beiseite. «Ach, Berger, Sie sind ein Sturkopf. Manchmal muss man eben nachhelfen, wenn der Körper müde wird.»
Fröhlich brummt: «Immer diese Ärzte. Die haben auch schon meiner Frau …» – er stockt, dann trinkt er hastig einen Schluck Kaffee.
Cleo rückt einen Stuhl heran, setzt sich zu Berger. «Sie kennen sich doch mit Häusern aus», beginnt sie ruhig. «Stellen Sie sich vor, Ihre Blase ist ein Fundament, das Wasser zieht. Der Katheter ist nichts anderes als eine Drainage, damit das Wasser abfliesst.»
Einen Moment lang herrscht Stille, dann lacht Frau Graber. «Eine Drainage – das versteht sogar er!»
Berger zieht eine Augenbraue hoch, sieht in die Runde, und zum ersten Mal an diesem Morgen rutscht ein Lächeln in sein Gesicht. «Dann sollen sie mal renovieren», sagt er, und alle lachen erleichtert mit.

Wieder hinter der Theke wischt Cleo ein paar Krümel weg. Manchmal fragt sie sich, ob vier Stammgäste wirklich Zukunft bedeuten. Doch sie sieht in die vertrauten Gesichter – wie sie streiten, lachen, sich trösten – sie weiss: Hier ist ihr Platz.
«Wir sollten Flugblätter fürs Café machen», wirft Frau Graber ein, als hätte sie Cleos Gedanken gelesen. «Und dieser Lars, der neulich da war – der könnte helfen.» Frau Huber zwinkert. «Ein patenter Mann, findest du nicht, Kleines?» Cleo errötet.
Ein ganz gewöhnlicher Tag – und doch voller Anfang.